Wiebke Elzel
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Notiz II (Alte Fotos) / Note II (Old Photographs)

Exhibition view: Rewind, Fast Forward, Kunstraum Liška, Leipzig, 2013
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ALte Fotos


Neben den unzähligen lose in der Schachtel liegenden Bildern fand ich schließlich in einem separaten, unbeschrifteten Umschlag noch eine Reihe Fotografien, die mir älter zu sein schienen als die übrigen und von denen ich überhaupt nicht begriff, was es mit ihnen auf sich hatte. Sie waren abgegriffen, schwarz-weiß, das Papier wirkte dick und kostbar und jeder der kleinformatigen Abzüge zeigte den selben Saal eines Museums. An seinen Wänden hingen Gemälde europäischer Maler und auf den meisten Bildern war der Saal angefüllt mit Menschen, die von beiden Seiten durch ihn hindurch eilten, oder still vor den Wänden verharrten und die Gemälde betrachteten. Ich habe mich lange mit diesen Fotografien beschäftigt. Obgleich sie mir in ihrer Ähnlichkeit und in ihrem Sujet als besonders nichtssagend erschienen, kam es mir doch so vor, als müsse sich ein wie auch immer gearteter Sinn hinter ihnen verbergen, eine Art Schlüssel, der mir Zugang zu den Beweggründen und geheimen Gedankendes Fotografen gewähren würde. Er muss sich lange aufgehalten haben in diesem Saal, wie ich anhand der unzähligen verschiedenen Menschen, die auf den Fotografien abgebildet waren, zu erkennen glaubte. Auch muss er ununterbrochen umhergewandert sein, denn keines der Bilder war vom genau gleichen Standpunkt aufgenommen. Seine Kamera locker in der Hand haltend war er durch den Saal geschlendert, so stellte ich es mir vor, alle paar Augenblicke ein Bild machend von der Situation, die ihn umgab. Ich habe mir diese Bilder immer wieder angesehen, eines nach dem anderen, und so begleitete ich den Fotografen auf seinen Wanderungen durch den Saal des Museums, betrachtete die sommerlich gekleideten Besucher und die impressionistischen Gemälde. Irgendwann meinte ich auf einer dieser Wanderungen zu bemerken, dass sich immer dasselbe Gemälde im Zentrum der Aufmerksamkeit des Fotografen befunden hatte. Dies war mir, aufgrund der vielen Details und der vielen Menschen, die das zentrale Gemälde oft ganz oder teilweise mit ihren Körpern verdeckten, zunächst entgangen. Nach dieser Erkenntnis gab ich meine Wanderungen durch den Saal auf, wählte eines der Fotos,auf dem mir das Gemälde besonders prägnant erschien, aus dem Stapel aus und hängte es in meinem Zimmer an die Wand. Es hängt noch immer dort, und manchmal betrachte ich es, ich bin mir jedoch längst nicht mehr sicher, worauf es dem Fotografen bei seinen Wanderungen durch den Saal und bei den Fotografien, die er dabei machte, tatsächlich ankam.

TEXT IN ENGLISH
Along with the countless pictures lying loose in the box, I finally found, in a separate, unmarked envelope, another series of photographs which appeared to be older than the others, and of which I couldn't fathom at all what to make. They were worn, black and white, and the paper was thick and seemed expensive, and each of the small-format prints showed the same museum hall. The walls of the hall were hung with European paintings, and in most of the images the hall was crowded with people who were either hurrying from one end to the other or pausing and looking at the paintings. I occupied myself with these photographs for a long time. Although they seemed to me in their similarity and their subject matter to be particularly inexpressive, I still had the feeling that there must be some sort of idea, of some nature, hidden in them; some key that would grant me insight into the motivations and secret thoughts of the photographer. He must have spent a long time in this hall, according to the countless different people I believed I saw pictured in the photographs. And he must have continually wandered around, since none of the images were taken from exactly the same angle. He strolled through the hall, casually holding his camera, I imagined, making a picture of his surroundings every few moments. I looked at these images again and again, one after the other, and as such I accompanied the photographer meandering through the hall, looking at the visitors in summer clothes and at the impressionist paintings. At some point on one of these walks I thought I noticed that it was always the same painting which found itself at the center of the photographer's attention. This fact, due to the many details, and the many people who often obscured the painting with their bodies, intitially escaped me. After making this realization I gave up my walks through the hall, chose a photo from the pile which seemed especially representative, and hung it on the wall of my room. It is still hanging there, and sometimes I look at it. But it's been long since I was sure what the photographer, on his walks through the hall, and with the photographs he made then, really wanted to accomplish.